Alles im Fluss …


Befremdliche Wesen bevölkern das Ensemble, das Edgar Eubel als raumgreifende Installation mitten ins Foyer der Essener VHS pflanzt. Sie sind aus Pulpe, getrocknetem Papierbrei, der sich als Modelliermasse verwenden lässt. Schwarzbraune, schrundige ameisenähnliche Gebilde liegen auf dem Boden, lehnen, hängen, kriechen an Stangen und Böcken und unter und über Tischplatten. Alle sind von gleicher Größe, Farbe und Grundform, doch haben unterschiedlich gebogene Gliedmaßen. Alle tragen als Male am Körper noch die wabenförmigen Einkerbungen, die der Maschendraht hinterließ, in den die Pulpenmasse zum Trocknen eingearbeitet wurde. Andere zeigen giftgrüne beulenartige Auswüchse. Ausbruch einer verseuchten Armada von Ameisenmutanten?


Eine weitere Figurengruppe tummelt sich auf engstem Raum: Handgroße Menschenkörper liegen bei-, in- und übereinander auf einer hautfarbenen Platte wie Auslegware. Auch sie erkennbar von ein und derselben Schablone geformt und anschließend leicht verbogen getrocknet, so dass jeder Körper eine individuelle Haltung einnimmt.


Insekten- und Menschenfiguren aus roher, erdfarbener bzw. grauer Pulpe, umgeben von amorphen Gebilden aus früheren Jahren und anderen Installationszusammenhängen, arrangiert auf improvisierten Stellagen, übereinandergeschobenen Tischplatten, rauem Bodenbelag aus Teerpappe … Eine Art Werkstattsituation. Edgar A. Eubels fünfte große Installation führt gezielt vor Augen: Hier ist etwas im Entstehen begriffen. Der Künstler als Demiurg. Der plastische Prozess des Formens scheint unmerklich überzugehen in einen gewissermaßen „organischen“ Prozess des Wachsens und Wucherns, der über das rein Bildhauerische hinausweist.


Seine künstlerische Laufbahn beginnt Edgar A. Eubel in den 1980er Jahren als Maler und Zeichner: Vor unbestimmtem Hintergrund winden sich fragmentierte Kopfformen resp. Masken, insektoide und technoide Versatzstücke, Zwitter aus Röhren, Tentakeln, Körperfragmenten und Maschinenteilen, Angedeutetes, Mehrdeutiges, das man begrifflich nicht fassen kann. Absonderliche, faszinierende Wesenheiten wachsen hervor aus Linien und Farbe, agieren miteinander und scheinen von Bild zu Bild zu mutieren.

Ende der 1980er Jahre sprengen die Wesen den Rahmen, lösen sich vom Grund und drängen als Objekte in den Raum: als kraftvoll kolorierte, „Korsetts“ oder „Apparate“, Halbfiguren, vor der Wand positioniert, verstärkt und unterstützt durch kleine Begleitobjekte. Diese seine erste Objektgeneration hat Eubel aus Pappmaschee aufgebaut: Papierschichten, auf Drahtstützgestell kaschiert und bemalt. Rund 10 Jahre später, 1998, präsentiert er im Rahmen eines Ausstellungsprojekts in Recklinghauser Kirchen seine gesamte Skulpturen-Familie nebeneinander auf dem Boden liegend als skulpturales Allover – und vorläufigen Schlusspunkt.


In den Folgejahren widmet sich der Künstler hauptsächlich der Bild- und Zeichensprache. Auf der Fläche lichtet sich das Chaos, der Bildhintergrund gewinnt an Bedeutung, die Motive kommen zur Ruhe, nehmen Kontur an, stehen neben-, teils übereinander und kommunizieren, Mikrohandlungen ereignen sich, mehr und mehr schälen sich gegenständliche Formen heraus: Architekturdetails, Köpfe, Vögel, Ameisen, Pflanzliches, Schwimmer …

Ab 2003 nimmt Eubel dann auch den bildhauerischen Faden wieder auf und entdeckt die Technik, mit Pulpenteig und Maschendrahtformen zu arbeiten, die er 1995 bis1998 bereits in seinen W-O-B(Wand-Objekt-Bild)-Arbeiten anwandte, für sich neu. Das Pulpen, die Arbeit mit Papierteig, kommt seinen künstlerischen Intentionen jetzt noch näher als das Kaschieren auf Stützdraht. Gut vermengt, aufgequollen und ausgepresst, lässt sich der Teig aus Papierschnipseln, Wasser, Leim und ggf. Acrylfarbe zu leichten, handlichen, stabilen Plastiken verarbeiten.


Aus dieser neuen künstlerischen Herausforderung resultiert 2005 als erster großer Wurf die Rauminstallation „unter die Decke“. Hoch oben über den Köpfen der Betrachter, unter die leuchtend orange gestrichene Raumdecke einer Recklinghauser Galerie an Nylonschnüren montiert, spannt sich ein Netz aus amorphen Formen in Grau, Beige, Braun – ein Geschlinge aus Gliedmaßen, Ärmchen, Rüsseln, Tentakeln mit Saugnäpfen, Schlingen, Steckern, Nuten, Stacheln, Zapfen und undefinierbaren Fortsätzen.

Was 1998 am Boden ausgebreitet ein vorläufiges Ende fand, erlebt nun geradezu komplementär in luftiger Höhe einen Neuanfang. So erscheinen beide Installationen aufeinander bezogen. Wie ja bei Eubel jede Werkschau gewissermaßen nur „Momentaufnahme“ ist, die auf einen größeren Zusammenhang verweist. Eine temporäre Manifestation eines fortwährenden künstlerischen Prozesses parallel zum Leben.

Hier wie dort ist alles im Fluss, gewinnt für kurze Zeit in einer Setzung eine feste Form – und fließt dann wieder auseinander. Das wird vor allem dann deutlich, wenn ältere Arbeiten oder Teile davon in neue Installationen eingearbeitet werden. Die Motive erweisen sich als zusammengehöriger Kosmos. Eubel arbeitet mit Schablonen und Modulen, löst Figuren aus Kontexten und fügt sie in andere ein, wo sie neue Bedeutungsebenen erschließen.


Von Präsentation zu Präsentation erobert der Künstler seither weiter den Raum: Die erste Installation kennzeichnet Eubel noch als „installierte Zeichnung“, als Bild aus der Untersicht. Die zweite setzt er 2008 mitten in den Raum (Städtischen Galerie Schloss Borbeck, Essen): In einem hohen, trapezförmigen Metallgestänge, das er leicht neigt, hat er ein Netz aus transparentem Nylondraht verspannt und kraftvoll gefärbte Pulpe-Objekte eingehängt. Der Betrachter schaut auf die gekippte Fläche inmitten eines Rahmens wie auf einen Objektträger unter dem Mikroskop: Hier „schweben“ Organismen und Fragmente aus Zwischenwelten, manche eher Pflanze, andere eher Tier oder anorganisches Material, Partikel. Deutlich wird: Die gegenständlichen Verweise haben – wie auf den Bildern und Zeichnungen – zugenommen. Dies führt indes nicht dazu, dass sie in einer Rationalisierung aufgehen. Im Gegenteil: Die Fantasie wird nur noch weiter beflügelt. Das Rätselhafte – der Kern von Eubels Arbeiten, der ja so viel Lust am Schauen evoziert – bleibt gewahrt.


In der dritten großen Installation, im „Treibhaus der Seelenhäute“ (Orangerie, Rheda-Wiedenbrück, 2008), fallen die Schöpfungen aus dem Rahmen, richten sich auf und streben in den Raum. Auf einem Teppich aus Teerpappe steht nun das Gestänge, nach hinten erweitert durch eine Stützkonstruktion. Alle Wesenheiten haben sich in neuer Konstellation wieder eingefunden. Und sie wurden verstärkt durch grellfarbene „Wächter“ mit Sehschlitzen, einer Art Antennen-Geweih und mikrofonähnlichem Begleitobjekt, die im Vordergrund Wache schieben.

2011, im Rahmen seiner Präsentation „Aufreizende Gedankenpflüge“ (Galerie KU 28, FADBK, Essen), veränderte Eubel das Metallgerüst dahingehend, dass er einzelne Querstreben neu positionierte, die Konstruktion in die Mitte des Raumes stellte, umgeben von aktuellen großformatigen Gemälden. Bewegung kommt ins Spiel, die farbenfrohe Pulpen-Schar hängt sich von allen Seiten an das Gestänge, lümmelt übereinander, übertritt die Ränder des nur halbfertig ausgerollten Bodenbelags aus Dachpappe. Die Kreaturen zeigen sich selbstbewusst als Vollskulpturen, die vorgestülpte Vorderseite wie die konkav gebogene Rückseite; bei jedem Schritt des Betrachters während der Umrundung eröffnen sich neue Sichtachsen, Verbindungen, Beziehungen und Einzelheiten. Im Raum wie auf den Bildern an den Wänden.

Die zweidimensionalen Arbeiten sind mit den dreidimensionalen eng verflochten. Was Eubel auf Bildern entwickelt, kriecht ja ohnehin irgendwann in den Raum. Zunehmend gewinnen die architektonischen Elemente an Wichtigkeit. Angedeutete Bauten im Bild, die Rahmen, Tischkonstruktionen und Gestänge im Raum. Der Künstler expandiert und bezieht selbst den Blick nach außen mit ein, indem er ihn, wie in der aktuellen Ausstellung, beispielsweise durch solitär auf Sockeln thronende „Wächter“-Figuren vor den Fenstern akzentuiert. Die Außenwelt wird zum sich stetig wandelnden Bildhintergrund.


„Anflussnahmen“ – das titelgebende Kunstwortspiel vermittelt Offenheit für den Betrachter, aber auch für den Künstler und seine weiteren Schöpfungsprozesse. Alles im Fluss … Edgar A. Eubel hat seine Netze ausgeworfen. Anzunehmen, dass sich Einiges darin verfangen wird.



Claudia Heinrich





Kunstwelten 2014, 100 Künstler 100 Perspektiven

Boedner-Kunstkompendium

 

Edgar A.Eubel

Gesichter mit Tentakeln, kopflose Pferde, Vögel, Trichter, Tröten, Architekturen, Schatten, Tupfen, zartes Lineament, amorphes organisches Geschlinge neben scharf umrissenen Feldern mit Ecken und Kanten … Die Formen auf Edgar A. Eubels Acrylbildern wecken Assoziationen, scheinen Geschichten zu erzählen. Doch dabei verweigern sie Eindeutigkeiten aller Art: Sie bilden Sinnsplitter, die sich wie in einem Kaleidoskop immer neu zusammensetzen lassen.

 

Waren Eubels Werke in den 1990er-Jahren noch dicht bevölkert von grellem Gewusel namenloser Gebilde, ineinander verschlungen oder explosionsartig auseinanderspitzend, so zeigen die aktuellen Bilder eher offene Landschaften: die Motive zurückhaltend, in gedeckten Tönen, stehen vereinzelt auf ihrem Platz oder nähern sich vorsichtig einander an. Die Atmosphäre ist von luftiger Leichtigkeit, jedoch kein Idyll. Mikrohandlungen finden statt. Ein dunkles Feld wirkt als Farbwandler, schwarze Vögel fliegen hinein und kommen hell gefiedert heraus. Ameisen marschieren nach links ab. Ein schematisierter Kopf entwächst einem unidentifizierbaren Knäuel und spiegelt sich andernorts.

 

Subtile Korrespondenzen zwischen den Bildelementen entstehen – unter anderem auch durch schroffe Kontraste. Das ist wohlüberlegt. Eubel arbeitet lange an einem Bild, trägt freihändig und mit Schablonen, Klebeband und Küchenkrepp Farbe auf und ab, wischt, schabt. Alles lebt und befindet sich im steten Genese-Prozess. Und es ist die besondere Leistung des Künstlers, dass sich dieser dynamische Schaffensakt im Auge des Betrachters fortsetzt. Es ist ein fortwährender Tanz der Anschauung mit dem Bild, dessen einzelne Elemente nicht zu packen und in einer eindeutigen Bedeutungskonstruktion zu arretieren sind. Man kann sich an ihnen – im wahrsten Sinne des Wortes – nicht sattsehen.

 

Claudia Heinrich

Dunkelfliegen und die Pracht verloren gegangener Gärten,

Städtische Galerie schloss Borbeck, 2008, Inge Ludescher (Auszug)

 

Edgar A.Eubels Bildwelten faszinieren und irritieren. Auch der Ausstellungstitel mag zunächst verwirren,dennoch markiert er treffend den künstlerischen Ansatz Edgar A.Eubels, aus einem reichen Bildreservori, das jenseits der sichbaren Wirklichkeit liegt.

Vergleichbar mit der `Pracht verlorenen gegangenen Gärten´liegt auch der Quell für Edgar A.Eubels Bildschöpfungen im Dunkeln, die er in Form von Zeichnungen aus seinem Inneren ans Licht holt. Er bringt diese zunächst in Zeichenbüchern wie in Tagebüchern auf Papier indem er mit Liniengefügen beginnt, die sich zu einem Netzwerk unterschiedlicher Gebilde entwickeln. ...

Edgar A.Eubel benutzt seine Zeichenbücher als Ideenpool auf dessen Basis seine Arbeit entwickelt....

Bei Edgar A.Eubel gibt es keine einzelnen voneinander getrennten Arbeiten. Vielmehr ist sein gesamtes Werk, bestehend aus Zeichnungen, Malerei, Objekten und Installationen als Einheit anzusehen...

Bei den Zeichnungen fällte auf, dass sie zwar die typischen Handschrift der verdichteten Lineaturen und das für Eubel typische Formenrepertoire aufnehmen. Das ehemals dichte netzwerk von Linien und Formen sowie die intensive Farbigkeit früherer Blätter scheint nun einer geklärten Linienführung gewichen zu sein,indem er größere Flächen des weißen Papiers mit in die Komposition aufnimmt.

...Im Gegensatz zu den Zeichnungen ist die Entstehung der Objekte ein gezieltes Verfahren, das heißt, dass hier in einem langwierigen, handwerklichen Arbeitsproßess erst die Fotm entsteht. Edgar A.Eubel fertigt anhand von Schablonen aus Draht die Form, in die hinein eine Pulpenmasse aus leim und Zeitungspapier gefüllte wird, die nach der Trocknung die Struktur des Drahts annimmt.

... In dieser Installation"Gärten und fliegende Wächter mit ihren Begleitern"sind dem "Garten" innere Bilder Edgar A.Eubels Wächterfiguren zur Seite gestellt. Zwar sind einige Objekte aus der 2005 entstandenen Installation ( Unter die Decke, Galerie Anbau, Recklinghausen)integriert worden , den " Garten" bevölkern jedoch auch neuer Arbeiten, die aus zarten Pastelltönen grün, gelb und rosa eine heitere frühlingshafte Stimmung erzeugen.

...Edgar A.Eubel´s Gärten vermögen entlose Geschichten aus dem Visionären ,des Traumhaften zu erzählen . " Die Wächter überlassen von Zeit zu Zeit den Garten", schreibt Eubel in seinem Zeichenbuch 2007. Sie scheinen den Besucher aufzufordern, für nur kurze Zeit an der Pracht teilzuhaben um dann der "Dämmerung"( Eubel) wieder anheim zu fallen....

Ausstellung Saarländisches Künstlerhaus, 2008

Michael Jähne, Zu den Arbeiten von Edgar A.Eubel

 

Malerei und Zeichnung sind wie alle bildende Kunst Versuche der Welterfassung, Welterklärung und -verdeutlichung mit Mitteln der Selektion, Separierung, Verdichtung und Pointierung- mit der Konzentration auf einen oder mehrere Aspekte, auf eine essentielle Aussage. Die „ Welt in ihrer chaotischen Unüberschaubarkeit“( Ferdinand Ulrich, Malerei zwischen Zeichnung und Skulptur.In Edgar A.Eubel, Kunstverein Gelsenkirchen, 1993,S.10f.) in der Erfassung durch Malerei und Zeichnung in einem oder mehreren ihrer Aspekte erfasst oder besser: komprimiert und darin/damit

visualisiert, erklärt und gedeutet. Das vermeintlich unübersehbare Chaos wird damit als Teil des strukturierten Kosmos erkennbar - in dem der Künstler durch seinen kompositorischen Eingriff die Existenz von Strukturen im scheinbaren Chaos deutlich, ja erst sichtbar macht, den Wesenszug von Kunst schlechthin erfüllt, um Paul Klees viel zitierten Satz aufzugreifen: „Kunst gibt nicht das sichbare wieder, sondern macht sichtbar" ( in :Tribüne der Kunst und Zeit Nr.XIII 2 „Schöpferische Konfession“

Herrausgeben von K.Edschmid.Berlin 1920,S.28)...

...Die Visualisierung des Schillernden, Vexierbildhaften, Schemenhaften, Visionären ordnet Eubel seine formalen Mittel unter – oder liegt etwa in seinem Ansatz, Malerei und Zeichnung so eng zu verzahnen, ein wesentliches Element, welches das Wesen seiner Schilderung geradezu evoziert?! Das Wechselspiel von Zeichnung und farbigen Flächen sowie die sehr unterschiedlichen Funktionen der Techniken, zwischen denen die Arbeiten ständig hin- und herpendeln, prägen den Charakter der Darstellungen. Die Malerei – fassen wir hier mit diesem Begriff das Schaffen farbiger Flächen zusammen – begründet in der Art, wie Eubel die Farbe aufträgt, den Charakter des Schwebenden, Unfestlegbaren, Diffusen, sich Entgrenzenden....

… Die Lineamente und sparsamen Farbinseln ( in den Zeichnungen ) scheinen im grenzenlosen, undefinierten Leerraum zu schweben, vor dem ungreifbaren Nichts, und wirken um so mehr als Phantasmagorien, die aus dem Nichts erwachsen, ihre Botschaften vermitteln, dem Unfassbaren, Geheimnisvollen Gestalt geben, Empfindungen auslösen, Erinnerungen und Träume hervorrufen und wieder ins Nichts zurück zu sinken sich anschicken....

 

Auszug aus dem Einführungstext,Michael Jähnen, Katalog: Edgar A.Eubel

 


Edgar A. Eubel

Gedankenskizzen nehmen Form an

Text zum Katalog Mitsichten-keine Zeit für Wadenschoner,


Merkwürdige langhalsige oder gehörnte Wesen, Leiber mit riesigen Schwanzflossen, unzähligen Tentakeln oder Raupenkörper mit rosettenförmigen Schmetterlingsflügeln begegnen uns in Edgar A. Eubels Bodeninstallationen. Oder sind es abgestürzte Flugkörper aus dem All oder gestrandete maritime Gehäuse aus den Tiefen des Meeres? So rätselhaft, wie die eigenartigen Gebilde mit ihren deformierten und mutierten Extremitäten auch anmuten, an ihrer Herkunft besteht kein Zweifel. Sie stammen aus einer anderen, einer fremden Welt. Ob urzeitlich, außerirdisch, visionär oder traumatisch, es ist die Welt der Phantasie des Künstlers.

Die Figurationen sind Form gewordene Gedanken und Ideen des Erfinders. Wie bei allem Fremden, dem wir zum erstenmal gegenüber stehen, ist auch hier die Reaktion zwiespältig. Einerseits wird faszinierende Neugier ausgelöst, das Unbekannte, das Andersartige zu entdecken und zu erforschen. Ist es weich oder hart, ist es leicht oder schwer, beweglich oder starr? Andererseits ist eine gewisse Distanz vorprogrammiert, Abwehr und Abneigung gegen das Unvertraute nicht ausgeschlossen. Bei den seltsamen Kunstgebilden von Edgar A. Eubel werden Berührungsängste relativ rasch überwunden.

Um Details zu erkennen, beispielsweise die Ausmalungen der Hohlformen oder geheimnisvoll verdickte Gelenkstellen, muß man ganz nah an das Objekt heran. Trotz der festen Gestalt erweisen sich die Skulpturen als überraschend leichtgewichtig. Nicht nur die kleineren, zum Teil mit mobilen Elementen kombinierten Objekte, sondern auch die größeren "Korsetts" sind Werke aus Papier. Sie bestehen aus verleimten Papierschichten auf einem Drahtgerüst, aus dem nach dem Trocknen Fenster und Öffnungen ausgesägt werden. Im Gegensatz zum Modellieren in Wachs, Abformen in Gips oder Gießen in Metall sind bei Papier die Manipulationsmöglichkeiten beinahe unbegrenzt. Es läßt sich in jeder denkbaren Art formen und ist direkt mit den Händen zu bearbeiten, wodurch Spontaneität und Experimentierlust nicht unterdrückt werden. Doch Eubels Papierskulpturen sind nicht nur geformte Objekte, sondern zugleich Malträger. Sie werden mit mehrfachen Übermalungen bedeckt und mit erneuten Klebeschichten versehen, so daß Verlaufsspuren, Strukturmuster oder monochrome Flächen auf dem Korpus wie sonst auf einer planen Leinwand auftauchen.
Die Malerei hat sich hier den dreidimensionalen Raum erobert.

Die kleineren Objekte, die zu zweit, dritt oder in Gruppen die großen „ Korsett“ -Skulpturen

umgeben, sind aus Pappmache´gegossen. Flexibel zu formender Kaninchendraht oder festertes rechteckig verkreuztes Drahtgewebe bilden das Formgerüst, das mit dem nassen Papierbrei gefüllte wird. Nach dem zwei- bis dreiwöchigen Trocknungsvorgang wird der Draht entfernt, hinterläßt aber regelmäßige Waben- oder Quadratmuster auf der erhärteten, stabilen Masse. Teilweise bemalt der Künstler diese ausgeprägten Drahtabformungen mit grellen Farben, teilweise beläßt er sie in ihrem dunkelgrauen, mit hellen Spuren durchsetzten Rohszustand.

 

In jüngster Zeit nutzt Edgar A.Eubel diese kleinen Objekte nicht nur zur Ergänzung seiner raumgreifenden Bodeninstallationen. Er kombiniert sie auch mit kleinformatigen leinwänden, feinen Papierzeichnungen und kleineren bemalten Formgebilden. Bei diesen meist dreiteiligen Wandensembels entsprechen die plastischen Objekte den Motiven der gemalten Bildlandschaften. Es sind Form gewordenen Elemente der Malerei, die sich scheinbar einfach aus der Fläche herausgelöst haben.


Leane Schäfer                              

 

Galerie Schütte, Essen 1997